Die psychologische Nähe zu den Reichen
Warum verteidigen Menschen oft eine Weltordnung, die ihnen selbst schadet?
Meditation in einer Gesellschaft der Selbsttäuschung
Warum verteidigen Menschen oft eine Weltordnung, die ihnen selbst schadet? Vielleicht, weil wir uns selbst viel seltener realistisch wahrnehmen, als wir glauben.
Das lässt sich derzeit besonders gut an der Debatte über die Besteuerung von Milliardären beobachten. Kaum wird über Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer oder die Konzentration extremer Vermögen gesprochen, melden sich in sozialen Medien Menschen zu Wort, die solche Forderungen empört zurückweisen, obwohl sie selbst weder Milliardäre noch Multimillionäre sind. Viele besitzen vielleicht ein Haus auf Kredit, fahren ein teures Auto oder führen ein kleines Unternehmen. Doch objektiv gehören sie, wie fast alle Menschen, nicht zur ökonomischen Elite, sondern zu jenem Teil der Bevölkerung, dessen Wohlstand vergleichsweise fragil bleibt.
Warum identifizieren sich so viele emotional eher mit Superreichen als mit Menschen, die ihrer eigenen Lebensrealität deutlich näher stehen?
Die Antwort liegt möglicherweise tiefer, als politische Debatten gewöhnlich vermuten lassen. Vielleicht geht es dabei nicht nur um Ideologie oder wirtschaftliche Interessen, sondern um ein grundlegendes Problem menschlicher Selbstwahrnehmung.
Die Psychologin Jonice Webb beschreibt in ihrem Buch Running on Empty einen Mechanismus, den sie „Unrealistic Self-Appraisal“ nennt: eine unrealistische Einschätzung der eigenen Person. Menschen, die in ihrer Kindheit emotional vernachlässigt wurden, entwickeln häufig kein stabiles, realistisches Bild von sich selbst. Ihnen fehlt die emotionale Spiegelung durch ihre Eltern, jenes feine Feedback, durch das Kinder lernen, ihre Fähigkeiten, Schwächen, Bedürfnisse und Grenzen angemessen wahrzunehmen.
Kinder entwickeln ihr Selbstbild nicht im luftleeren Raum. Sie lernen sich durch die Reaktionen anderer kennen. Wenn Eltern emotional präsent sind, durch Interesse, Trost, Ermutigung, Zuneigung oder konstruktive Kritik, entsteht langsam ein realistisches Gefühl für die eigene Person. Bleibt diese Resonanz aus, entsteht häufig eine innere Unschärfe. Menschen erleben sich dann entweder kleiner oder größer, stärker oder schwächer, besonderer oder wertloser, als sie tatsächlich sind.
Emotionale Vernachlässigung kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor, allerdings in unterschiedlicher Form. Dass Armut, Stress und prekäre Lebenslagen das Risiko von Vernachlässigung erhöhen, ist gut dokumentiert. Doch emotionale Vernachlässigung ist keineswegs nur ein Problem sozial benachteiligter Milieus. Gerade in wohlhabenden Familien bleibt sie oft unsichtbar.
Studien der letzten Jahre zeigen, dass Kinder aus privilegierten Verhältnissen häufig hohen Leistungsdruck und emotionale Distanz erleben. Eltern treten dort nicht selten eher als Manager denn als Bindungspersonen auf. Liebe wird an Leistung gekoppelt und die emotionale Präsenz durch Organisation ersetzt. Die Psychologin Suniya Luthar spricht in diesem Zusammenhang von der „Vulnerability of Privilege“, der Verletzlichkeit privilegierter Milieus.
Emotionale Vernachlässigung bleibt oft unerkannt, weil sie selten laut ist. Schreien, Gewalt und Missbrauch sind sichtbar. Emotionale Vernachlässigung ist subtiler. Gefühle werden ignoriert. Bedürfnisse nicht gespiegelt. Nähe bleibt oberflächlich. Leistung zählt mehr als Emotion.
Viele Betroffene beschreiben ihre Eltern später dennoch als „eigentlich gute Eltern“. Sie sagen: „Es hat doch an nichts gefehlt.“ Und trotzdem fehlt etwas Grundlegendes: das Gefühl, innerlich gesehen worden zu sein.
Internationale Studien gehen davon aus, dass etwa 15 bis 25 Prozent der Menschen von deutlicher emotionaler Vernachlässigung in ihrer Kindheit berichten. Je nach Definition liegen die Zahlen teilweise noch höher. Emotionale Vernachlässigung ist damit kein Randphänomen mehr, sondern ein gesellschaftliches Muster.
Vielleicht passt das zu einer Kultur, die Menschen fortwährend neue Identitäten anbietet: erfolgreicher, attraktiver, leistungsfähiger, unabhängiger, exklusiver. Der neoliberale Kapitalismus verkauft längst nicht mehr nur Produkte. Er verkauft Identitäten.
Werbung, soziale Medien und Erfolgsnarrative erzählen uns ständig, dass wir nur hart genug arbeiten müssten, um irgendwann selbst zu den Gewinnern zu gehören. Wer Schwierigkeiten hat, sich selbst realistisch wahrzunehmen, findet in diesen Narrativen leicht eine imaginierte zukünftige Identität. Und beginnt, sie zu verteidigen.
Viele Menschen erleben sich emotional deshalb nicht als Teil der gesellschaftlichen Mitte, sondern als „potenziell Erfolgreiche“, als beinahe Reiche, als Unternehmer ihres eigenen Lebens. Extreme Vermögenskonzentration erscheint dann nicht mehr als Problem, sondern als etwas, dem man sich innerlich zugehörig fühlt oder zumindest zugehörig fühlen möchte.
Die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas beschreibt in Unverdiente Ungleichheit, wie stark Vermögen in Deutschland vererbt wird und wie wenig die gesellschaftliche Realität tatsächlich mit dem Mythos der Leistungsgesellschaft übereinstimmt. Große Vermögen entstehen meist nicht allein durch individuelle Leistung, sondern durch Besitz, Erbschaft und Kapitalakkumulation über Generationen hinweg.
Und dennoch halten viele Menschen unbeirrt an der Vorstellung fest, sie könnten selbst jederzeit Teil dieser Sphäre werden. Vielleicht deshalb, weil die Alternative schmerzhafter wäre.
Denn wer akzeptiert, dass die eigene ökonomische Position wesentlich verletzlicher ist als gedacht, muss sich auch mit Gefühlen von Unsicherheit, Abhängigkeit und Kontrollverlust auseinandersetzen. Die Identifikation mit Reichtum schützt psychologisch vor der Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit.
In der Vipassana-Meditation zeigt sich besonders deutlich, wie stark der menschliche Geist dazu neigt, fortlaufend Geschichten über sich selbst zu produzieren. Gedanken, Bewertungen, Erinnerungen und Zukunftsphantasien formen ständig eine Identität, an der wir festhalten.
Die Meditationpraxis unterbricht diesen Automatismus zumindest für Momente. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr auf die Erzählung über das Selbst, sondern auf die unmittelbare Erfahrung: Körperempfindungen, Gedanken, Emotionen, Reaktionen. Mit der Zeit kann sichtbar werden, wie konstruiert viele unserer Identitäten eigentlich sind.
Vipassana bedeutet vereinfacht gesagt: die Dinge so zu sehen, wie sie tatsächlich sind. Nicht so, wie wir sie gerne hätten. Nicht so, wie unser Ego sie erzählt. Sondern möglichst unverstellt.
Gerade darin liegt möglicherweise eine politische Dimension von Meditation und Achtsamkeit, über die selten gesprochen wird.
Denn eine Gesellschaft, die sich permanent über Status, Besitz, Erfolg und Konsum definiert, braucht Menschen, die ihre inneren Konstruktionen nicht allzu genau hinterfragen. Wer hingegen lernt, Wahrnehmung und Identifikation voneinander zu unterscheiden, erkennt möglicherweise auch gesellschaftliche Narrative klarer.
Wer gelernt hat, Gefühle zu unterdrücken, innere Zustände zu ignorieren und den eigenen Wert vor allem über Funktion und Leistung zu definieren, erlebt Meditation oft zunächst als unangenehm. Denn plötzlich geht es darum, wahrzunehmen statt zu funktionieren. Zu beobachten, statt sofort zu bewerten oder wegzudrücken.
Plötzlich wird sichtbar, wie wenig Kontakt viele Menschen noch zu ihrer eigenen Innenwelt haben.
Die Meditation ist dann, wie so oft angenommen, keine Flucht aus der Gesellschaft, sondern eine Praxis der Ent-Täuschung, das langsame Erkennen unserer Täuschungen.
Selbsterkenntnis beginnt genau dort, wo wir den Mut entwickeln, die Geschichten über uns selbst für einen Moment loszulassen. Und vielleicht entsteht genau in diesem Raum, zwischen Wahrnehmung und Identifikation, die Möglichkeit, klarer und weniger reaktiv zu handeln.