Wahres Glück kommt von innen
Warum "Brave New World" von Aldous Huxley der wichtigste Science-Fiction-Roman unserer Zeit ist
Warum "Brave New World" von Aldous Huxley der wichtigste Science-Fiction-Roman unserer Zeit ist.
Redet man heute von dystopischen Zuständen in der Gesellschaft oder vom totalitären Überwachungsstaat, dann wird gerne "1984" als Vergleich bemüht. Für genaue Beobachter ist "Brave New World" der noch viel genauere Spiegel unserer Gegenwart. Huxleys Roman kommt immer noch jung und makellos daher wie die meisten seiner Figuren. Die Geschichte spielt in einer fernen Zukunft nach einem "großen Krieg", der der Menschheit endgültig gezeigt hat, dass es nicht wie bisher weitergehen kann.
Man geht keine Risiken mehr ein und löscht die komplette Menschheitsgeschichte aus der kollektiven Erinnerung, verbietet sämtliche Literatur und Dichtung. Kinder werden nicht mehr geboren, sondern innerhalb kurzer Zeit in der Retorte großgezogen. Was sie wissen müssen bekommen sie im Schlaf von einem Tonband eingeflüstert. Ihre Talente bekommen während der Aufzucht durch ein Gemisch aus Chemikalien und Sauerstoff genau dosiert verabreicht, damit sie als fertige Personen von Anfang an einer bestimmten Kaste dienen. Leid gibt es in dem Sinne nicht mehr. Kinofilme heißen "Feelies" und transportieren zusätzlich Gerüche und Gefühle über Sensoren, inhaltlich kommt in den Filmen dagegen wenig rüber, was einen zum Nachdenken bringt. Man kennt das von ein paar aktuellen Netflix-Serien, muss man sich aber noch schlimmer vorstellen.
Der wirkliche Kick kommt von einer Droge namens "Soma", die keine Wünsche offen lässt und trotzdem so gut wie keine Nebenwirkung hat. Maximaler Rausch bei minimalem Kater. Wir reden hier wie gesagt von Science Fiction, da gibt es halt Dinge, die mit unserer Realität wenig zu tun haben.
Natürlich kommt es wie es kommen muss und einer der perfekten Menschen dieser Gesellschaft ist nicht ganz so gut gelungen. Man munkelt, er hätte als Fötus an einem bestimmten Punkt in der Produktionskette etwas zu wenige Sauerstoff abbekommen. Auch ist er kleiner als das durchschnittliche Exemplar seiner Kaste. Bernard Marx grübelt zu viel, denkt nicht ständig an Sex und verweigert öfter mal seine Ration Soma. Doch da er ein angesehener Psychologe ist, lässt man ihn trotzdem zusammen mit der umwerfenden aber durch und durch gebrainwashten Lenina Crowne einen Ausflug in ein Indianerreservat machen. Als er von dort den "von einer Mutter geborenen" Shakespeare-zitierenden John Savage mit in die Zivilisation bringt, kommen Marx immer mehr Zweifel. Nur dass er nicht weiß, was genau so schlecht an seiner Welt sein soll.
Als klassische Schülerlektüre ist "Brave New World" sicher auf dem ein oder anderen persönlichen Index gelandet, zusammen mit der "Judenbuche" und "Die Physiker". Genau deshalb wollte ich es nochmal wissen und musste einsehen, dass es wahrscheinlich keinen besseren dystopischen Roman (erschienen 1932) gibt, der unsere heutige Gesellschaft so gut beschreiben kann.
"Brave New World" liefert keine überzeugende technologische Vision, aber dafür eine handfeste philosophische. Die Geschichte kreist um den Glücksbegriff, von dem wir heute ja kaum ablassen können. Jede Lebensberatung, jede zweite Talkshow und die am meisten geklickten Online-Artikel beschäftigen sich mit Glück auf die eine oder andere Art und wie wir es erreichen können. Der Historiker Yuval Noah Harari hat in seinem Buch "Homo Deus" und in verschiedenen Interviews zuletzt auf Huxley verwiesen und aufgezeigt, welche Rolle Glück in der Geschichte der Menschheit gespielt hat und wie wir es uns heute schnell und zuverlässig besorgen. Echtes Glück kommt von innen, meint er. Und das auf die naheliegendste Weise.
We moderns have an arsenal of tranquilizers and painkillers at our disposal, but our expectations of ease and pleasure, and our intolerance of inconvenience and discomfort, have increased to such an extent that we may well suffer from pain more than our ancestors ever did.
bigthink.com
https://youtu.be/0Pl_OY5zG3w
Eine wunderbar aufgekratzte Umsetzung des Stoffes für die Bühne wird in diesem Jahr noch am Münchner Volkstheater gezeigt:
https://youtu.be/c3AlBTrAKYw
Zuletzt hat USA Network ("Mr. Robot", "Suits") nach jahrelangen Gerüchten eine Serie zu "Brave New World" in Auftrag gegeben. Nach den bisherigen verkorksten Verfilmungen vielleicht endlich eine Umsetzung, die dafür sorgt, dass die Geschichte wieder ins kollektive Gedächtnis gelangt und nicht zwischen einem Haufen alter Schulbücher vergraben bleibt.
