Einmal friedlicher Mensch, bitte!
Dystopien haben Hochkonjunktur. Schriftsteller und Drehbuchautoren sind Visionäre, Philosophen und Psychologen gleichzeitig
Dystopien haben Hochkonjunktur. Ob auf dem Buchmarkt oder bei den Serien der Streamingdienste, es herrscht Endzeitstimmung. Die Zukunftsvisionen von heute zeichnen Bilder von Überwachungsdiktaturen, von technologischen Albträumen, Maschinen an der Macht oder handeln vom ökologischen Kollaps und was uns danach bevorsteht. Schaut man seine abonnierten Tweets, dann haben wir nichts mehr zu lachen. Die Klimakatastrophe steht vor der Tür, falls uns nicht vorher ein rückschrittlicher Regierungschef allesamt in die Luft gesprengt hat. Und die viel gelobte künstliche Intelligenz scheint es auch nicht durchweg gut mit uns zu meinen.
Schriftsteller und Drehbuchautoren sind Visionäre, Philosophen und Psychologen gleichzeitig. Das waren sie auch schon 1962, als der Roman “A Clockwork Orange” erschien, eine bitterböse “dystopische satirische schwarze Komödie” (Wikipedia), in der ein Teenager namens Alex in drei Teilen mit jeweils sieben Kapiteln seine Geschichte erzählt. Im England der nahen Zukunft verprügeln und vergewaltigen er und seine drei Freunde aus Spaß an der Gewalt ihre wehrlosen Opfer.
Alex wird bei einem Raubzug von seinen Freunden verraten und festgenommen. Nach zwei Jahren Haft meldet er sich freiwillig für ein Experiment, das ihn innerhalb von zwei Wochen von seiner Liebe zur Gewalt kurieren und ihn zu einem friedlichen Bürger machen soll. Es kommt anders als es sich die Regierung und die Ärzte vorgestellt haben und Alex wird, nach seiner Therapie vollkommen unfähig sich zu wehren, in eine gnadenlose Welt entlassen, die ihn beinahe zu zerstören droht.
Stanley Kubrick hatte in seiner berühmten Verfilmung des Stoffes das letzte Kapitel weggelassen, so wie bereits der amerikanische Buchverlag bei der Erstveröffentlichung in den USA. Im Vorwort von 1986 beschwert sich Anthony Burgess darüber bitterlich und erklärt, welchen Unterschied das letzte Kapitel für die ganze Geschichte macht und dass der Zeitgeist der Siebziger Jahre einen Alex, der sich aus freien Stücken ändert, nicht zugelassen hat.

Wann ist ein Mensch ein Mensch?
Die Moral des kurzen Romans ist schnell klar: Wenn ich mich nicht zwischen Gut und Böse selbst entscheiden kann, bin ich dann überhaupt noch ein Mensch (= Orang) oder längst eine Maschine (= Clockwork)? Das kritisiert jede Gesellschaft, die ihre Bürger in irgendeiner Weise umerziehen möchte. In den 60er Jahren war der Kommunismus noch präsent und der Nationalsozialismus noch nicht lange besiegt. Beide Ideologien machten sich den Menschen so wie er für sie am nützlichsten war und nahmen dafür zig Millionen Opfer in Kauf. Fast sechzig Jahre später stellen sich zusätzliche Fragen. Wie weit ist es mit dem freien Willen des Menschen überhaupt her? Die Hirnforschung zeigt ganz klar, dass viele unserer Handlungen lange vor ihrer Ausführung entschieden sind und erst nachträglich als freie Entscheidungen empfunden werden. Vielleicht dauert es nicht mehr lange und der aus freiem Willen handelnde Mensch ist nicht mehr als ein feuchter, blasser Traum der Aufklärung.
Anthony Burgess hat von diesen Erkenntnissen nie etwas erfahren. Seine Figur scheint am Anfang aussichtslos böse zu sein und trotz der Umerziehung ahnen wir, dass er wieder in sein altes Muster zurückfallen wird. Außerdem lachen wir über seine verdrehte Sprache und versöhnen uns sogar irgendwann mit dem Mörder und Vergewaltiger. “A Clockwork Orange” drückt beim Leser viele verborgene Knöpfe, die wir lieber unberührt sein lassen wollen.
“.. the big flowy cravat”
Ein enormer Kunstgriff ist dabei die vom Autoren erfundene Jugendsprache Nadsat, eine Mischung aus Russisch und Englisch, die oft bis zur Unverständlichkeit die Grausamkeiten und absurden Momente wie eine Wolke hüllt, in der nichts wirklich greifbar wird:
“I had a real horrorshow smeck at that, viddying that she had in her veiny rooker a crappy wood walking-stick which she raised at me threatening. So, making with my shiny zoobies, I ittied a bit nearer to her, taking my time, and on the way I saw on a like sideboard a lovely little veshch, the loveliest malenky veshch any malchick fond of music like myself could ever hope to viddy with his own two glazzies, for it was like the gulliver and pletchoes of Ludwig van himself, what they call a bust, a like stone veshch with stone long hair and blind glazzies and the big flowy cravat.”
Wenn “Brave New World” von Sex and Drugs and Rock and Roll erzählt, dann ist “A Clockwork Orange” ein Lied auf Violence, Sex und Rock and Roll, wenn man die Neunte von Beethoven schon als Rock and Roll begreift wie Alex:
“There it was then, the bass strings like govoreeting away from under my bed at the rest of the orchestra, and then the male human goloss coming in and telling them all to be joyful, and then the lovely blissful tune all about Joy being a glorious spark like of heaven, and then I felt the old tigers leap in me and then I leapt on these two young ptitsas.
