Serienstart “Lovecraft Country” – Das Leben ist das Böse
Nach dem monatelangen Corona-Serien-Gebinge wird es Zeit für die Vorfreude auf jede nächste Woche, in der es eine neue Folge “Lovecraft Country” gibt.
“Sie tanzen auf der Straße, sie hören rhythmische Musik … Sie sprechen mit lauter Stimme. Sie lachen in der Öffentlichkeit. Das Leben scheint ihnen Spaß zu machen, und das ist beunruhigend. Denn das Leben ist das Böse.“
Was Michel Houellebecq in einem frühen Essay von 1991 in drei Zeilen als den ultimativen Schrecken für den Horror-Schriftsteller H. P. Lovecraft beschreibt, bekommt in der ersten Folge von “Lovecraft Country”, einer neuen HBO-Serie von “Get Out”-Regisseur Jordan Peele, ausgiebige fünf Minuten Screentime, anschließende Dialoge in der Szene nicht mitgerechnet. Hier darf der Cast, der in der folgenden Stunde (und sicher durch die ganze Serie hindurch) von Monstern und Sheriffs bis zur Atemlosigkeit gejagt wird, gleich zwei Songs fast komplett performen: Einmal “I Want A Tall Skinny Papa” von Sister Rosetta Tharpe, die mit ihrem Gitarrenspiel die ganze Rock'n'roll-Riege von Little Richard über Chuck Berry und Elvis bis hin zu Eric Clapton beeinflusst hat, und dann mit "Whole Lotta Shakin' Goin' On" einen weiteren Rock'n'roll-Klassiker, den jeder im Ohr hat, wenn er den Titel liest. Und damit sind wir mitten drin im 50er Jahre Jim Crow-Amerika der Rassentrennung. („Jim, [die] Krähe“) war in den USA im 19. Jahrhundert die Bezeichnung für das Stereotyp eines tanzenden, singenden Schwarzen (Wikipedia)).

Auch in den folgenden Minuten wird mit Anspielungen und der Rekonstruktion von historischen und ikonischen Bildern der amerikanischen Segregation nicht gespart.
Der Kultautor Lovecraft, der für die horrorästhetische Vision steht, die den Zuschauer erwartet, bekommt von Anfang an eine starke Heldentruppe entgegengestellt. Der Umgang mit Lovecrafts Rassismus und dem der damaligen (und heutigen) USA wird in “Lovecraft Country” sofort angepackt und bildet auch den Unterbau des Romans, den der Autor Matt Ruff 2016 veröffentlichte. Auf Goodreads gibt es bereits eine Liste mit Counter-Lovecraft-Literatur, darunter auch “The Ballad of Black Tom” von Victor LaValle, die Lovecrafts Erzählung “The Horror at Red Hook” neu erzählt und die rassistischen Ansichten des Autors herausfordert.
“Don’t Let the Sun Set on YOU!”
Wenn es dann endlich losgeht und die Helden sich auf die Suche nach Montrose Freeman (Michael Kenneth Williams), dem verschwundenen Vater von Atticus (Jonathan Majors) machen, wird es schnell ernst. Ohne zu viel zu verraten, aber es gab zu dieser Zeit in den USA schätzungsweise 10.000 sogenannte “Sundown towns”, die ihre Besucher mit einem Schild begrüßten auf dem in etwa stand: “Nigger, Don’t Let the Sun Set on YOU in Hawthorne”. Die Serie zieht damit ihre erste tickende Uhr auf und bis zum Ende der ersten Folge wird es nicht mehr so lebenslustig und ausgelassen wie zu Beginn beim Straßenfest in Chicago.
Die erste Episode am letzten Sonntag hatte aus dem Stand ein Publikum von 1,4 Millionen Zuschauern. Ein respektabler Start, der für den weiteren Verlauf steil nach oben zeigt. Das Timing könnte wahrscheinlich kaum besser sein. Dieses Fenster in die Vergangenheit der USA und in die Abgründe der Phantasie eine seiner einflussreichsten Autoren (Lovecraft, nicht Ruff), ist auch ein aktueller Spiegel, dessen Bild man erst mal aushalten muss. Dazu ist der Pilot rasant und unterhaltsam wie schon lange keine Mystery- oder Horror-Serie mehr. Dabei bleiben wir nicht in einem kinderfreundlichen übernatürlichen “Stranger Things”-Universum, die Filmemacher zeigen sehr bald, dass sie in ihrer Jugend neben “Back to the Future” auch “The Evil Dead” gesehen haben.
Dass man jetzt schon einschalten sollte und sich auch das Warten auf die nächste Folge im wöchentlichen Abstand mal gönnen sollte, kann ich jedem Serienjunkie als Gegenprogramm monatelangem Corona-Gebinge nur empfehlen.
Ab 17. August 2020 jeden Montag auf Sky
